Allergie - Fehlreaktion des Immunsystems
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Inhaltsverzeichnis

Ein fehlreguliertes Immunsystem als Auslöser von Allergien

Das Immunsystem hat die einfach formulierte, aber dennoch sehr aufwändige Aufgabe, Ihren Körper vor Krankheitserregern zu schützen.

Es ist Ihr natürliches Schutzschild vor Angriffen von außen: Sobald ein Stoff als fremd erkannt wird – in der Regel handelt es sich dabei um Viren, Bakterien, Pilze und andere Krankheitserreger – kommt ein komplizierter Prozess in Gang, der dem Erreger, den Zutritt in Ihren Körper verwehrt. Sollte der Erreger die Körperbarriere bereits überschritten haben, beginnt das Immunsystem damit, diesen auszuschalten.

Kommt es zu einer Fehl- bzw. Überreaktion des Immunsystems, dann spricht man in der Medizin von einer Allergie. Das ist dann der Fall, wenn eigentlich ungefährliche Stoffe fälschlicherweise als schädliche Erreger identifiziert und bekämpft werden.

Im nachfolgenden Beitrag klären wir die Frage, wie es zu einem fehlregulierten Immunsystem kommen kann. Hierfür werfen wir einen detaillierten Blick auf folgende Themen:

Außerdem klären wir folgende Fragen:

Entscheidend im Zusammenhang mit dem Thema Allergie ist auch der sogenannte Bauernhofeffekt, auf den wir im Verlauf dieses Artikels ebenfalls näher eingehen werden.

Das Immunsystem ist der natürliche Schutzschild unseres Körpers

Das Immunsystem des menschlichen Körpers ist ein komplexes System, an dem zahlreiche Organe und Zellen beteiligt sind, unter anderem:

Das Immunsystem ist wichtig für die körpereigenen Abwehrkräfte
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  • Haut, Schleimhäute, Mandeln und Darm: als erste Barriere des Immunsystems. Hier wird dafür gesorgt, dass die Erreger die Körperbarriere nicht übertreten und in den Körper eindringen können.
  • Knochenmark und Thymus (Drüsengewebe oberhalb des Herzens): Hier werden Abwehrzellen produziert.
  • Milz: Sie übernimmt ein umfangreiches Aufgabengebiet im Rahmen der Immunabwehr. Die Milz fördert die Produktion von weißen Blutkörperchen (Lymphozyten), speichert aber auch Abwehrzellen, damit sie im Bedarfsfall schnell zur Verfügung stehen, und sie dient zudem als Ausscheidungsorgan für alte rote Blutkörperchen.
  • Lymphknoten und -bahnen: Sie sind sowohl Sammelstelle als auch Transportweg für Abwehrzellen und Antikörper, damit diese im Bedarfsfall schnell zum Erreger vordringen können.

Das Immunsystem basiert dabei auf zwei Verteidigungslinien 1:

  1. dem angeborenen Immunsystem (wird auch als natürliches, adaptives oder unspezifisches Immunsystem bezeichnet)
  2. dem erlernten Immunsystem (wird auch als spezifisches oder erworbenes Immunsystem bezeichnet)

Das angeborene Immunsystem als erste Kontroll- und Schutzinstanz

Das angeborene (adaptive) Immunsystem ist dem Menschen, wie der Name vermuten lässt, bereits mit der Geburt gegeben. 2 Es reagiert in der Regel als erste Kontroll- und Schutzinstanz, sobald ein Erreger in den menschlichen Körper eindringen möchte. Es ist sehr schnell in seiner Abwehrreaktion, bekämpft alle Erreger gleichermaßen, d.h. unspezifisch. Dabei kann es passieren, dass es einen Erreger nicht vollständig zerstören kann. Bei derartigen Erregern ist das angeborene Immunsystem auf die Unterstützung des erlernten Immunsystems angewiesen.

Hauptbestandteile des natürlichen Immunsystems sind:

  • die mechanische Barriere (Haut, Schleimhäute und Darm): als äußere Schutzfunktion gegen Erreger.
  • die chemische Barriere (chemische Stoffe und Körperflüssigkeiten wie bspw. Speichel, Augenflüssigkeit, Magensaft oder Flimmerhärchen in den Bronchien): Sie soll verhindern, dass sich bereits in den Körper eingetretene Erreger festsetzen, bzw. sorgt die chemische Barriere dafür, dass diese Erreger schnellstmöglich wieder aus dem Körper abtransportieren (ausgespült) werden.

Die Werkzeuge, denen sich das angeborene Immunsystem bedienen kann, sind:

Fresszellen

Ihre Aufgabe ist es den Erreger zu verdauen und den Rest an die Zelloberfläche abzugeben. Dort übernimmt dann das spezifische Immunsystem die weitere Abwehr und bekämpft die Erreger, die das angeborene System nicht oder nicht vollständig zerstören konnte.

Killerzellen

Ihre Ziele sind vorrangig tumorartig veränderte Zellen und Viren, gegen die Killerzellen spezielle Zellgifte produzieren, um diese zu zerstören.

Erreger werden von der spezifischen Immunreaktion gezielt ausgeschaltet

Das spezifische oder auch erlernte Immunsystem muss seine Gegner erst einmal kennenlernen, um gezielt gegen sie vorgehen zu können. 3 Das entscheidende Zeitfenster hierfür befindet sich in den ersten Lebensjahren. In dieser Zeit ist es für diese Verteidigungslinie Ihrer Immunabwehr enorm wichtig, mit möglichst vielen Erregern in Kontakt zu kommen, um sie später (bei einem erneuten Kontakt) mittels Gedächtniszellen, T-Helferzellen, T- und B-Zellen (-Lymphozyten) effektiv bekämpfen zu können.

Jede der genannten Zellen übernimmt bestimmte Aufgaben:

  • Gedächtniszellen: erinnern sich an den Erreger.
  • T-Helferzellen: aktivieren im Bedarfsfall die Immunabwehr.
  • spezielle Killerzellen: spezielle auf den Erreger zugeschnittene Zellen (T- Zellen, bzw. -Lymphozyten) können den Erreger gezielt eliminieren.
  • B-Zellen (-Lymphozyten): vermehren sich bei Erregerkontakt schnell, wandeln sich aber zunächst in Plasmazellen um, die dann schließlich spezielle, ebenfalls auf den jeweiligen Erreger zugeschnittene Antikörper (Eiweiße/Immunglobuline) produzieren, um diesen schnellstmöglich auszuschalten.
Reaktion des Immunsystemsbei Allergie
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Die fünf Phasen der Immunreaktion: Was passiert bei einer allergischen Reaktion im Immunsystem?

Bei einer allergischen Reaktion durchläuft Ihr Immunsystem fünf unterschiedliche Phasen:

  1. Kontaktphase: Es kommt zum Erstkontakt zwischen Ihrem Körper und dem Erreger oder Fremdstoff (Allergen)
  2. Erkennungsphase: Der Erreger (Allergen) wird fälschlicherweise als gefährlich eingestuft. Ihr Immunsystem schlägt Alarm. T-Zellen beauftragen die B-Bellen damit, sogenannte IgE-Antikörper zu produzieren.
  3. Abwehrphase: Die IgE-Antikörper docken am Allergen an, identifizieren ihn damit als gefährlich. Zudem docken die Antikörper auch an den Mastzellen an, die sich direkt unterhalb der Haut befinden, und setzen diese ebenfalls in Alarmzustand.
  4. Symptomphase: Mastzellen beginnen nun Histamin zu produzieren, und lösen damit einen unnötigen Entzündungsprozess im Körper aus. Erste Allergiebeschwerden mit den bekannten Symptomen treten auf. 4
  5. Erinnerungsphase: Das Immunsystem speichert in seinem Erinnerungsgedächtnis, das in den Mastzellen steckt, den Erreger als “gefährlich” ab. Sie sind nun vorbereitet und reagieren bei erneuten Kontakt mit dem Erreger schneller und intensiver, natürlich wieder mit unerwünschten Allergie-Symptomen.

Der allergische Reaktionstypus bestimmt Schwere und Verlauf der Symptome

Der Verlauf und die Schwere einer Allergie sowie die damit verbundene Immunreaktion sind immer abhängig vom sogenannten Allergie-Typ. In der Medizin unterscheidet man dabei zwischen den nachfolgenden vier Allergie-Typen:

Allergie-Typ 1 (Soforttyp):

häufigster Allergie-Typ. Hier kommt es zu einer Sofortreaktion mit der weiter oben im Text bereits erläuterten Überproduktion an IgE-Antikörpern, unmittelbar nach Erregerkontakt. Zu den typischen Auslösern zählen Pollen und Nahrungsmittel.


Allergie-Typ 2 (Soforttyp):

Hier kommt es zur einer zeitlich verzögerten allergischen Immunreaktion (wenige Minuten bis Stunden nach Erregerkontakt), die sich gegen körpereigene Zellen richtet. Typische Auslöser sind Schmerzmittel oder Antibiotika.


Allergie-Typ 3 (Soforttyp):

sehr seltener Allergie-Typ. Hier kommt es ebenfalls zu einer zeitlich verzögerten Immunreaktion (mehrere Stunden nach Erregerkontakt), bei der sich Allergen und Antikörper miteinander verbinden. Dieses ungewöhnliche Konstrukt wird schließlich von Leukozyten (weißen Blutkörperchen) aufgelöst. Häufigste Auslöser sind Medikamente oder Insektengifte.


Allergie-Typ 4 (Spättyp):

Hier wird die Immunreaktion durch Immunzellen (T-Zellen) ausgelöst, nicht durch Antikörper. Die allergischen Symptome treten erst sehr spät auf, häufig viele Stunden bis Tage nach Erregerkontakt. Bekannteste Auslöser sind Tierhaare oder Nickel. Auch Abstoßungsreaktionen nach einer Organspende zählen zu diesem Allergie-Spättyp.

Die Überreaktion der Immunabwehr löst die Allergiebeschwerden aus

Zu den häufigsten Symptomen, die in Zusammenhang mit einer Allergie auftreten können, zählen unter anderem:

  • Anschwellen der Schleimhäute oder der Haut
  • Rötungen und Juckreiz in den Augen, bisweilen tränen die Augen auch
  • Jucken und Kitzeln in der Nase
  • Häufig nacheinander auftretendes Niesen
  • Schleimbildung in der Nase

Aber auch Husten und Asthmaanfälle, Müdigkeit und Kopfschmerzen bis hin zum lebensbedrohlichen Schock, bei dem Sie unbedingt und sofort den Notarzt rufen sollten, zählen zu den Symptomen einer allergischen Immunreaktion. Weiter Infos rund um eine Allergie und den damit verbundene Beschwerden lesen Sie in unserem Beitrag “Symptome von Pollenallergie und Heuschnupfen”.

Auf welche Stoffe reagiert das Abwehrsystem?

Zu den Stoffen, die am häufigsten eine Allergie auslösen zählen unter anderem:

  • Pollen von Blumen, Gräsern und Bäumen
  • Tierhaare
  • Hausstaubmilben
  • Schimmelpilze
  • Nahrungsmittel
  • Insektengifte

Welche weiteren allergieauslösenden Stoffe Ihnen sonst noch begegnen können, lesen Sie in unserem Beitrag “Allergene Pollen”.

Mögliche Ursachen einer fehlregulierten Immunabwehr

Jede Allergie basiert auf einer Fehlinformation Ihres Immunsystems. Nach dem Erstkontakt mit dem jeweiligen Fremdstoff, identifiziert Ihr Immunsystem diesen Fremdstoff als gefährlich. Fortan reagiert es bei jedem Kontakt mit diesem Erreger mit einer unerwünschten Abwehrreaktion.

Doch wie kann es zu einer solchen Fehlinformation innerhalb des Immunsystems kommen?

Studien kamen zu dem Ergebnis, dass ein durch Luftverschmutzung, Nährstoffmangel oder psychische Belastung geschwächtes Immunsystem nicht adäquat reagieren kann. Wichtig für ein normal funktionierendes Immunsystem sei daher:

ein gesunder Lebensstil

ein gesunder Darm mit einer ausgeglichenen Darmflora

eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen

Auf diese Weise könne einer Entwicklung von Allergien erfolgreich entgegengewirkt werden. 5 6 7

In diesem Zusammenhang steht die frühkindliche Entwicklung des menschlichen Mikrobioms im Fokus. So weisen Studien darauf hin, dass Menschen, die in einer ländlichen Umgebung in der Nähe von Bauernhöfen aufgewachsen sind, weniger häufig eine Allergie entwickeln als beispielsweise Menschen in der Stadt. 8

Der Bauernhofeffekt

Das Menschen die auf Bauernhöfen aufwachsen weniger häufig Allergien entwickeln, liegt unter anderem am sogenannten Bauernhofeffekt, dem Prof. Dr. med. Erika Jensen-Jarolim und Ihr Forscherteam aus Wien auf die Spur gegangen sind. Sie kamen im Rahmen Ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass Menschen, die in der Nähe von Bauernhöfen aufgewachsen sind, auch vermehrt mit dem Staub aus Kuhställen in Kontakt kamen. In diesem Staub ist das Protein Beta-Lactoglobulin in hoher Konzentration enthalten, das auch in Kuhmilch vorkommt.

Beta- Lactoglobulin ist ein Protein, das in seiner Makromolekül-Verbindung lebenswichtige Nährstoffe inkludiert. Über das Einatmen von Kuhstallstaub oder das Trinken von Rohmilch kann das Protein zusammen mit den inkludierten Nährstoffen vom menschlichen Körper aufgenommen werden.

Prof. Dr. med. Erika Jensen-Jarolim und Ihr Forscherteam konnten im Rahmen Ihrer Studien belegen, dass die im Protein enthaltene Mikronährstoff-Kombination, unter anderem aus Zink, Eisen und Vitamin A, eine immunstimulierende Wirkung besitzt. 9 10

Wichtig zu wissen ist jedoch, dass die immunstimulierende Wirkung durch das Erhitzen von Milch, so wie es bei Milch aus dem Supermarkt üblich ist,  verloren geht. Vom Verzehr von Rohmilch wiederum, wird aufgrund einer möglichen Belastung der Milch mit Keimen, abgeraten.

Möglichkeiten der Allergieprävention

Die gute Nachricht ist: Allergieprävention ist teilweise möglich, zum Beispiel über

  • eine ausreichende Versorgung Ihres Körpers mit Nährstoffen: wie Vitamin A, B, C und D, Selen, Eisen, Kupfer und Zink. Diese tragen zu einer normalen Funktion Ihres Immunsystems bei.
  • einen gesunden Lebensstil: gehen Sie regelmäßig an die frische Luft, treiben Sie Sport und meiden Sie Stress.
  • eine Hyposensibilisierung: auch spezifische Immuntherapie genannt.

Weitere Tipps dafür, wie Sie Ihr Immunsystem stärken und das eigene Allergierisiko senken können,  lesen Sie in unserem Beitrag “Immunsystem stärken, um Allergien vorzubeugen”.

Die Rolle des Immunsystems bei Allergien im Kindesalter

Gerade im Kindesalter, wenn sich das spezifische Immunsystem noch in der Entwicklung befindet, ist es wichtig, die Immunabwehr zu stärken und sie bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Dafür sollten Kinder in den ersten Lebensjahren mit möglichst vielen “positiven” Erregern in Kontakt kommen. Auf diese Weise kann sich vor allem das erlernte Immunsystem normal ausbilden, Fehlregulationen können vermieden und das Risiko einer Allergie gesenkt werden. Und so können Sie Ihr Kind auf dem Weg zu einem starken Immunsystem unterstützen:

Stärken Sie das Immunsystem Ihrer ganzen Familie
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  • Vermeiden Sie  übertriebene Hygienemaßnahmen.
  • Gehen Sie mit Ihrem Nachwuchs viel nach draußen und sorgen sie zudem für regelmäßige Bewegung an der frischen Luft
  • Machen Sie häufiger Ausflüge aufs Land. So kommen auch Stadtkindern in den Genuss des Bauernhofeffekts.

Weitere immunstärkende Tipps für Kinder haben wir für Sie in unserem Beitrag “Immunsystem bei Kindern stärken, um Allergien vorzubeugen” zusammengefasst.

  1. Bruce Beutler; Medizinnobelpreis: Die zwei Verteidigungslinien des Immunsystems, Deutsches Ärzteblatt Onlineausgabe Oktober 2011, https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=1&s=Aufgabe&typ=1&nid=47552
  2. Nicholson LB. The immune system. Essays Biochem. 2016 Oct 31;60(3):275-301.
  3. Tomar N, De RK. A brief outline of the immune system. Methods Mol Biol. 2014;1184:3-12.
  4. Amin K. The role of mast cells in allergic inflammation. Respir Med. 2012 Jan;106(1):9-14.
  5. Höflich, C.: Klimawandel und Pollen-assoziierte Allergien der Atemwege. In: UMID – Umwelt und Mensch – Informationsdienst Ausgabe 1 (März) 2014. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/377/publikationen/klimawandel_allergien_5-10.pdf
  6. Simon D. Recent Advances in Clinical Allergy and Immunology 2019. Int Arch Allergy Immunol. 2019;180(4):291-305.
  7. Gensollen T, Blumberg RS. Correlation between early-life regulation of the immune system by microbiota and allergy development. J Allergy Clin Immunol. 2017;139(4):1084-1091.
  8. Riiser, A. Das menschliche Mikrobiom, Asthma und Allergien. Allergy Asthma Clin Immunol 11, 35 (2015).
  9. Ondracek AS, Heiden D, Oostingh GJ, Fuerst E, Fazekas-Singer J, Bergmayr C, Rohrhofer J, Jensen-Jarolim E, Duschl A, Untersmayr E. Immune Effects of the Nitrated Food Allergen Beta-Lactoglobulin in an Experimental Food Allergy Model. Nutrients. 2019 Oct 15;11(10):2463.
  10. Myrna M.T. de Rooij, Lidwien A.M. Smit, Hans J. Erbrink, Thomas J. Hagenaars, Gerard Hoek, Nico W.M. Ogink, Albert Winkel, Dick J.J. Heederik, Inge M. Wouters, Endotoxin and particulate matter emitted by livestock farms and respiratory health effects in neighboring residents, Environment International, Volume 132, 2019.